Lob des Privatradios


Radiohören ist Privatsache und sollte daher nur in akustisch abgeschirmten Räumen praktiziert werden. Andernfalls droht Belästigung. Durch den zwangsfröhlichen Krach der strunzbunten Gute-Laune-Wellen ebenso wie durch das monton-sonore Gebrumm der auf ihre dröge Art nicht minder nervtötenden Info- und Kulturprogramme. Oder was sonst so die Hörfunkvorlieben derjenigen sind, die "ihre Sender" partout auch in der Öffentlichkeit hören müssen. So wie der alte Berber neulich als der sein plastiktütenbehängtes Fahrrad durch den Park schob, während aus dem am Lenker baumelndem Transistor weithin vernehmbar ein ohrenbohrendes Radiogeschnarre quallte. Nun kann ich nicht völlig ausschließen, auch einmal alt und obdachlos zu werden und eines Tages ebenfalls mit einem die Gegend beschnatternden Fahrradradio herumzuschieben. Eines ist aber sicher. Mein Lieblingssender wird dann nicht aus meinem Lenkertransistor ertönen. Der ist nämlich nur übers Internet zu empfangen. Und das wollen wir erst mal sehen: dass man jemals einen netzgestützten Sender auf einem fahrenden Fahrrad wird empfangen können.

Aber der Reihe nach: Vor knapp einem Jahr online gegangen, hatten mich die Macher meines Lieblingssenders bereits kurz nach Sendestart so weit, dass ich mir (über tchibo.de) für 120 Euro (plus Versandkosten) ein WLAN-fähiges Empfangsgerät zulegte, welches mich in die kommode Lage versetzte, meinen Lieblingssender hören zu können, ohne dafür erst den Rechner hochfahren zu müssen. Und das tue ich seitdem sehr ausgiebig und wann immer mir das meine Zeit bzw. meine Kinder erlauben ("Kannst Du bitte die nervige Musik ausmachen, Papa!"). Mein erster Handgriff ist jetzt häufig morgens der, das WLAN-Radio ein-, und mein letzter abends, es auszuschalten. Mein auch noch gar nicht so altgedienter UKW-Empfänger, der nun seinen angestammten Platz in der Küche auf dem Kühlschrank mit dem WLAN-Kollegen teilen muß, geht dagegen kaum noch in Betrieb. Wozu auch? Die meisten der paar Sender, die er auf seinen lachhaft wenigen Frequenzen anbietet, strahlen ihre Programme inzwischen auch übers Netz aus. Wenn ich nur wollte, könnte ich diese genauso gut auch auf dem WLAN-Kumpel hören - und dazu einige tausend Sender aus aller Welt mehr; im Moment sind es laut reciva.com, der
meinen WLAN-Empfänger unterstützenden Website: "14.216 stations (and 21.242 on-demand streams) in 277 locations and 65 genres."

Trotz dieses immensen, zudem stetig größer werdenden Hörangebots zeigt aber das blaue Auge meines Internetradios meist nur die Kennung meines Lieblingssenders. Warum? Ich werde mich hüten, über die Gründe für diese, meine Radiovorliebe zu sprechen. Radiohören ist schließlich Privatsache, wie schon gesagt. Da will ich niemand mit meinen Sympathiebekundungen und Lobpreisungen für meine Lieblingsstation behelligen. Nur so viel: Es handelt sich um ein in Hamburg ansässiges Privatradio, das rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche bestens moderierte Musiksendungen bringt. Wer Zugang zum Netz hat und moderne Popmusik schätzt, sollte unbedingt mal ein Ohr riskieren:
www.byte.fm.

Fritz Tietz
aus: Konkret 12/08


fritztietz.de